Mozarts Vermächtnis

Kapitel 2

Text?

Wenn man an Mozarts musikalisches Vermächtnis denkt, fallen einem sofort zwei Werke ein:
Das „Requiem“ und „Die Zauberflöte“.

Der Grund dafür mag in der Tatsache liegen, dass beide Werke, die gleichzeitig auch die Krönung seines Schaffens darstellen, in zeitlicher Nähe zu seinem Tod entstanden sind und zwei Gegensätze einer großen Einheit darstellen: Licht und Schatten, Freude und Trauer, Leben und Tod. Ihre wahre Bedeutung ist aber noch viel tiefgründiger.

Beide Stücke haben eine direkte Verbindung zu Mozarts Leben und Tod. „Die Zauberflöte“ ist dabei nicht nur eine Verschmelzung von Oper und Spiritualität, beides wichtige Bestandteile seines Lebens, sondern auch eine perfekt aufgebaute Mythenerzählung, wie wir sie in heutiger Zeit nur mehr in Filmen vorfinden.

Das Requiem wiederum stellt den Schlusspunkt eines anderen perfekt aufgebauten Mythos dar: Mozarts eigener Lebensgeschichte.

Der Komponist selbst bezeichnete „Die Zauberflöte“ als Singspiel, heute gilt sie als Grundstein der deutschen Oper, deren archetypische Bestandteile sich die deutschen Opernkomponisten nach Mozart bedienten: Das edle Paar, das komödiantische Paar, der weise Lehrmeister, der Bösewicht und der lächerliche Bösewicht. Wenn man sich etwa Webers „Freischütz“ oder Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ nach diesen Gesichtspunkten ansieht, findet man eine direkte Übertragung all dieser Archetypen auf die jeweilige Geschichte.

Mozarts kompositorische Qualität liegt in der musikalischen Zeichnung der Charaktere. Wie kaum ein anderer Komponist versteht er es, die Darstellung der Figuren und ihrer Charaktereigenschaften durch die Wahl der Tonart zu verstärken und diese Qualitäten damit im Zuhörer wachzurufen. Ob Tamino, Sarastro, die drei Knaben, Pamina, Papageno oder die Königin der Nacht, wir können uns mit ihnen identifizieren, da wir ihre Licht- und Schattenseiten in uns tragen. Den Schlüssel dazu gibt uns Mozart mit seiner Musik.

Mozarts Lebensgeschichte liest sich wie der Mythos eines griechischen Halbgottes: Als Sohn eines angesehenen Musikgelehrten und Komponisten wächst er als Wunderkind auf, tritt an sämtlichen Fürstenhäusern Europas auf und wird vom Papst geadelt. Er hat ein fulminantes Gehör und Gedächtnis und komponiert schon als Kind perfekte kleine Stücke. Die Kunst des Komponierens wird er Zeit seines Lebens in ungeahnte Höhen weiterentwickeln, mit dem Beginn des Dissonanzenquartetts erreicht er beinahe die Grenzen der Tonalität. Er gibt Konzerte als Klavier- und Geigenvirtuose, schreibt Erfolgsstücke wie „Figaro“, „Don Giovanni“ und „Zauberflöte“, ist Mitglied eines Geheimbundes und stirbt bei der Komposition seiner „eigenen“ unvollendeten Totenmesse.

Constanze hat klugerweise durch eine falsche Darstellung der Requiemgeschichte den Mythos Mozart komplettiert und ins Übermenschliche gesteigert.

Mozart wählt d-Moll als Haupttonart seines Requiems. D-Dur steht bei ihm für strahlende Lebenskraft und dynamische Jugend. Durch die Molltrübung erreicht er eine Verdunkelung dieser Eigenschaften in Richtung Tod.

Interessanterweise hat Mozart schon am Anfang seiner Komponistenlaufbahn zwei Werke geschrieben, deren Geist sich in „Zauberflöte“ und „Requiem“ widerspiegeln: „Das geistliche Singspiel“ „Die Schuldigkeit des ersten Gebotes“ und „Die Grabmusik“. Somit schließt sich der Kreis einer Geschichte, die man nicht besser erfinden könnte und… was gäbe es nach Zauberflöte und Requiem noch zu komponieren?

Mozarts Vermächtnis ist, dass er in unser aller Leben gegenwärtig ist (vom Klingelton bis zur High-end Performance) und seine Musik noch immer die gleichen Emotionen in uns wachruft, wie sie es zu Mozarts Lebzeiten getan hat.

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